
Nairobi, im Slum von Korogocho - Sonntag, 21. Jänner 2007
Die Messe in Korogocho, Ritus der Befreiung und des Aufstands. Die Messe im Zentrum der Comboni-Missionare von Korogocho ist ein Volksfest, ein Akt der Würde und des Aufstands. In der ersten Reihe sitzt der Chor, dann, auf den Stufen des Amphitheaters Hunderte von Männern und noch mehr Frauen und Kinder, die hier, anders als im Zentrum von Nairobi, nicht um Almosen betteln. Hinter dem Altar, unter rund zwanzig Priestern, steht auch Pater Alex Zanotelli, der aus Anlass des Weltsozialforums zu den Seinen zurück gekehrt ist. Hinter dem Kruzifix prangt die Inschrift: "Another World is possible", eine andere Welt, ein anderes Leben, eine andere Existenz sind möglich. Die Messe dauert den ganzen Vormittag, immer mehr Menschen kommen, die Kinder sind in Feierstimmung. Es wird getanzt, gesungen, gepredigt, gesegnet. "Gelobt sei das Licht", singen sie mit erhobenen und nach Osten gerichteten Armen, Hunderte und Aberhunderte von Händen, die der Sonne für die Wärme danken. "Gesegnet sei das Wasser, ein Allgemeingut, und wehe dem, der es in Besitz nimmt, um daraus Profit zu schlagen", predigt Pater Zanotelli im Herzen des größten und durstigsten Armenviertels von Nairobi, wo es im Schnitt ein Klo für 1.300 Einwohner gibt und keine Abwasserleitung, dafür aber ein Netz von stinkenden Kanälen das sich unter freiem Himmel zwischen den Baracken durchschlängelt. "Gesegnet sei, wer den Frieden fördert", verkündet Pater Daniele Moschetti, Zanotellis Nachfolger, und im Zeichen des Friedens bindet jeder einen Wollfaden um den Arm seines Nächsten.
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| Die Baracken von Korogocho | Als die Priester die Hostien verteilen, werden wir uns gewahr, dass wir die Kommunion nicht nur empfangen, sondern erleben. "Es sind dreißig Jahre her, seit ich das letzte Mal gebeichtet habe", flüstere ich Pater Zanotelli zu, als die Reihe an mir ist, "aber hier erscheint es mir richtig." Er umarmt mich und steckt mir das Stück Brot in den Mund. Die Messe geht Nahtlos in ein Fest für die Straßenkinder über, die Waisenkinder des Aids: Gruppen von obdachlosen Jugendlichen zwischen zehn und sechzehn Jahren, sie tragen lange Ledermäntel wie eine Uniform und ihr kleine Habe in einem Jutesack, einer schnüffelt Klebstoff aus einer gelblichen Dose und macht ein verlorenes Gesicht. Im Hintergrund, aber vor unseren Augen, hinter dem Kloakenkanal auf dem Müllberg, machen sich große und kleine menschliche Gespenster mit den Großen Marabus, die darüber kreisen, ihr tägliches Brot streitig. Nach der Messe wird jeder von uns von einer Familie adoptiert und in die Baracken begleitet. Die ältere Elizabeth und die junge Francisca nehmen uns bei der Hand und führen uns hin. Ganz Korogocho, 80.000 Einwohner, ist auf der Müllhalde erbaut und lebt in Symbiose mit ihr; alles, was brauchbar ist, wird wieder verwendet. Das erbeutete Material wird auf Tausenden von Bänken ausgelegt: halbe Schuhpaare, Kleider, Teile von Autos und Motorrädern, Bleche, Metalle, Gemüse, Papier, Dosen, Plastik, viel Plastik, überall Reste von Plastiksäcken, die dem Boden, den Pflanzen, den Baracken verwachsen. Elizabeth ist 25, sie hat die Oberschule bis zur zweiten Klasse besucht, spricht perfekt Englisch und hat einen intelligenten Blick, aber sie geht nicht mehr zur Schule, weil ihr das Geld für die Einschreibung, die Bücher und Hefte fehlt. Sie zeigt uns ihre Hütte aus Lehm, Holz und Blech, die niedriger ist als sie selbst. "Was soll ich tun?", fragt sie. "Was können wir tun?", fragen wir. Keine Frage hat eine Antwort. Weiter hinten spielt eine Gruppe von Kindern mit einem Handy, ihr Dach ist ein Blech, das durch den Rost hindurch noch Werbung für eine bekannte Computerfirma macht. Wir sind nicht auf einem anderen Planeten. Wir sind nur an dem verwahrlosesten Punkt der Reise unserer Waren, auf der letzten Müllhalde unserer Zivilisation, auf der anderen Seite unserer Medaille.
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