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Im Elendsviertel Korogocho, Nairobi - Dienstag, 23. Jänner 2007

Das Land der Armen.
Der Blick von außen auf die Elendsviertel genügt nicht, Wörter können das nicht ausreichend beschreiben. Der Slum umhüllt den Besucher, reißt ihn mit, durchdringt und erschüttert ihn. Er will, dass man sich auf ihn einlässt und dann davon Zeugnis ablegt. "Kehr zurück zu den Deinen und berichte ihnen", wiederholen die Comboni-Missionare. Millionen von Menschen in Europa haben absolut keine Ahnung, was hier los ist.
Heute sucht man im Elendsviertel Korogocho - mit den Kindern auf den Knien, sie durchstöbern unsere Hefte - nach Worten, um das alles zu erklären. Eine Milliarde Menschen leben schon in Elendsvierteln, erzählt Pater Daniele Moschetti. In zwanzig Jahren werden es drei Milliarden sein. Zweieinhalb der vier Millionen Einwohner Nairobis leben auf einem Raum, der fünf Prozent der Gemeindeoberfläche ausmacht. Der Rest ist leer oder von den Wolkenkratzern des Zentrums besetzt, die von Bewaffneten bewacht werden. Die vertikale Stadt der Reichen, der Ameisenhaufen der Armen. Und dazwischen nichts.
Aber das Barackenviertel ist auch Energie, Kreativität, Tanz und ständiger Gesang. Tausend Tätigkeiten: Zwanzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts von Kenia kommt von der Schattenwirtschaft der Baracken. Der Slum ist ein Glied - das letzte, das am meisten verwahrloste, aber auch das greifbarste - der weltweiten Warenkette. Im Slum versuchen die Armen aus den Dörfern, die Flüchtlinge aus Krieg und Umweltkatastrophen die Anbindung an unsere Zivilisation.
Marktstände mit Sachen, die aus der Müllhalde gerettet wurden, Barbiere, Bars, Baracken, die mit einem Fernseher und einem Videorekorder zum Lichtspieltheater der Letzten werden. Die Straßenkinder haben eine Karte von Korogocho gemalt: Da ist Grogan, dargestellt von einer Hand mit einem Messer, wo man illegalen Schnaps herstellt, und dort ist Mukuru, die Müllhalde, von der man nicht wieder herauskommt. Das sind die Kreise des neuen Infernos.
 
Gesegnete Erde
Aber da ist auch Nyayo mit den besten Marktständen, da sind Githaturu und Highridge, wo es Kirchen und informelle Schulen gibt. In die Slums kommt man durch die schmutzigsten Gassen, und dann versucht man, zur Stadt der Waren hinauf zu gehen. Aber die meisten werden zurückgeworfen, und ihr Provisorium wird zum Dauerzustand. Eine endgültige Vorläufigkeit, ein Ballungsraum, den es auf der Landkarte nicht gibt und der trotzdem überlebt und eine Zukunft sucht, auch wenn er zu seiner kargen Gegenwart verdammt ist.
Fabrizio Floris, Wissenschaftler an der Universität Turin, hat beschlossen, im Elendsviertel zu leben, um davon zu erzählen. Korogocho, erklärt er, ist vor zwanzig Jahren als Provisorium entstanden, als man die Armenviertel im Zentrum geräumt hat. Im Süden, wo der Grund der Stadt und dem Stadt gehört, hat man "provisorische Aufenthaltsgenehmigungen" erteilt. Wer sie bekam, baute Hütten aus Lehm. Dann ging er dazu über, sie an andere zu vermieten. Heute, erzählt Floris, sind 65 Prozent der Bewohner von Korogocho Untermieter von Leuten, die nicht in den Slums wohnen.
Im Slum kann man schnell Geld verdienen und schnell wieder verlieren, man kann schnell krank werden, man kann die Macht der Gewalt ausüben oder Bande des Heils und der Rettung knüpfen. Was man nicht bekommt, sind die öffentlichen Güter: Sicherheit, Recht, Gesundheitsversorgung, höhere Bildung. Hier bräuchte es die Institutionen, aber für diese existiert das Armenviertel gar nicht. In Kibera, am Nordrand von Nairobi, mit einer Million Einwohnern das größte Armenviertel Afrikas, wird das Wasser am privaten Kiosk um einen Schilling pro Liter verkauft. Die Reichen im Zentrum beziehen es aus der Leitung und zahlen dafür achtzig mal weniger (ja, weniger!)
Der Slum ist der Triumph des ungebremsten Marktes, es ist eine informelle selbstgebaute Stadt, die Urbanisierungsform dieses Zeitalters.
Das erste, was zu tun wäre, meint Floris, wäre, den Grund jenen zu geben, die darauf leben. Wenn die Barackenbewohner Eigentümer des Bodens werden, auf dem sie leben, könnten sie ihr Einkommen dafür ausgeben, ihre Lebensumstände dort zu verbessern, wo sie sind, und nicht in einem illusorischen Anderswo. Pater Alex Zanotelli schlägt vor, dass Italien Kenia die Schulden erlässt - 44 Millionen Dollar - und dafür die Überschreibung des Grundes an die Barackenbewohner einhandelt.
Aber die Worte sagen nicht alles hier in Korogocho. Sie müssen zu einem kollektiven Ritus werden. Das Seminar schließt mit einer Segnung des Bodens im Armenviertel. Eine Gruppe von Kindern - eins mit der gewohnten Klebstoffdose zwischen den Zähnen - hält eine Schüssel voll roter Erde hoch, und die Patres singen und streuen sie über unsere Häupter.
Heiliges Land, Land der Armen.

 

 

 

 

 

 
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