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Landtag | 29.04.2015 | 13:15

Anhörung zu den Auswirkungen des Mobilfunks

Forscher und Experten erläuterten den Abgeordneten technische, gesundheitliche und pädagogische Aspekte der neuen Medien.

Bei der Anhörung referierten Mediziner, Ingenieure, Verbraucherschützer, Pädagogen und Juristen zu den verschiedenen Aspekten des Mobilfunks.ZoomansichtBei der Anhörung referierten Mediziner, Ingenieure, Verbraucherschützer, Pädagogen und Juristen zu den verschiedenen Aspekten des Mobilfunks.

Auf Antrag mehrerer Fraktionen und mit breiter Mehrheit hat der Landtag im Juni 2014 beschlossen, „eine Anhörung zu veranlassen, bei der die technischen, gesundheitlichen, pädagogischen und juridischen Aspekte von Mobilfunk und digitalen Medien und deren Auswirkungen von Expertinnen und Experten eingehend dargelegt werden". Diese Anhörung, zu der Landtagsvizepräsident Roberto Bizzo Mediziner, Baubiologen, Ingenieure, Schulverwalter, Umweltexperten, Verbraucherschützer und Juristen aus Italien, Österreich und Deutschland sowie die teilnehmenden Abgeordneten und andere Vertreter von Behörden und Organisationen - Rat der Gemeinden, Verbraucherzentrale, Dachverband für Natur- und Umweltschutz, Bürgerwelle Südtirol - begrüßen konnte, fand heute im Plenarsaal des Südtiroler Landtags statt. Zahlreich vertreten waren auch die Abgeordneten, die den Anstoß zu dieser Anhörung gegeben haben.

Ing. Guido Riva von der Ugo-Bordoni-Stiftung, der sich als Forscher intensiv mit den technischen Aspekten des Mobilfunks befasst hat, gab einen Einblick in den Aufbau elektromagnetischer Felder, in denen enorme Kräfte am Werk seien und die sowohl natürlichen wie künstlichen Ursprungs und ionisierend oder nicht ionisierend sein können. Gefährlich seien besonders die ionisierenden, zu denen z.B. Röntgenstrahlen und Radioaktivität, aber nicht der Mobilfunk gehörten. Alle Körper über 0 Grad Temperatur gäben Strahlung ab, auch der menschliche Körper, die Stärke nehme mit der Entfernung ab. Der eindeutig messbare Effekt der Strahlung auf den menschlichen Körper sei die Erwärmung. Mittlerweile sei für alle Handys die abgestrahlte Energie als SAR-Wert angegeben. Das italienische Gesetz zu den Grenzwerten gehe aber nicht vom SAR-Wert aus, was besser wäre, sondern von der Exposition. Riva wies darauf hin, dass ein Handy bei schwächerem Empfang die Energieabstrahlung erhöhe. Dies gelte für alle Handys im selben Umkreis, und damit werde die Gesamtabstrahlung an dem Ort erhöht und würden ab einer bestimmten Stärke schädlich.

Ing. Andreas Zoeschg von der Gikispy GmbH, die das WLAN-Netz für Bozen errichtet hat, ging auf die Besonderheiten des WLAN-Funks ein. Es handle sich um nicht ionisierende, also an sich nicht gefährliche Strahlung. Das Problem sei die Zahl der Emissionen, denn heute gebe es viele Geräte, die eine WLAN-Übertragung nutzten, nicht nur Handys. Ein weiteres Problem sei die Sicherheit, da in alle Richtungen abgestrahlt werde. 100 mW pro Kanal seien in Italien der Grenzwert, und das liege weit unter den Werten von GSM oder GPS, daher sollte man bei Handys die WLAN-Übertragung bevorzugen, wenn man das Internet nutze, vor allem bei schlechten Verbindungen. Viele nutzten auch Kopfhörer oder Freisprechanlagen, um weniger von der stärkeren Strahlung durch UMTS oder GSM (bis zu 2 W) abzubekommen.

Ing. Martin Virnich, Vertreter des Berufsverbandes Deutscher Baubiologen, erläuterte den Aufbau von Mobilfunknetzen und ging auf einige grundsätzliche Problembereiche dieser Architektur ein. Die Sendeleistung und damit die Abstrahlung einer Basisstation hänge stark von der Auslastung durch die Nutzer ab, wobei die Spannbreite zwischen Minimum und Maximum je nach Funktechnik (GSM, LTE usw.) verschieden sei. Wichtig für die Stärke der Immission in die Umgebung sei auch die Richtung, in die (gebündelt) abgestrahlt wird. Es sei ein Irrtum, dass unter der Antenne am wenigsten Strahlung zu spüren sei, dies lasse sich eindeutig widerlegen - daher sei es Unsinn, Antennen gerade auf Schulen oder andere "sensible" Gebäude anzubringen. Eine sinnvolle Alternative sei die Trennung von Indoor- und Outdoorversorgung, damit Hausmauern nicht durch besonders starke Sendeleistung durchstrahlt werden müssen. Die Stadt St. Gallen setze auf dieses Konzept. Die heutigen Smartphones würden vor allem für die Internetverbindung genutzt, soziale Netzwerke usw. Ein Smartphone sei im Gegensatz zum klassischen Handy ständig auf Sendung, frage das Netz nach neuen Nachrichten ab. Zum Teil werde dies direkt vom Betriebssystem erledigt, wodurch die Nutzer kaum Eingriffsmöglichkeiten hätten.

Dr. Alessandro Polichetti vom Obersten Sanitätsrat Italiens wies auf eine Unzahl an Studien zu den gesundheitlichen Wirkungen des Mobilfunks hin, wobei nur die thermischen Auswirkungen bislang sicher belegt werden konnten. Dem werde durch die Begrenzung des SAR auf 2 W/kg entgegengewirkt. Zu toxischen oder karzinogenen Auswirkungen gebe es hingegen keine gesicherten Erkenntnisse, bei Tierversuchen waren die Ergebnisse meist negativ. Keine Quelle könne man mit Sicherheit als nicht krebserregend bezeichnen, davon abgesehen könne man den Mobilfunk ebenso wie den Kaffee als "möglicherweise krebserregend" einstufen. Viele Studien zum Phänomen, auf die Polichetti auch im Einzelnen einging, seien fehlerbehaftet und dementsprechend umstritten. Handys gebe es mittlerweile schon lange, aber eine erhöhte Rate etwa an Hirntumoren sei bisher nicht festgestellt worden. Die WHO habe dazu aufgerufen, das Phänomen weiterhin zu studieren, habe aber nicht die Erhöhung der Sicherheitsstandards empfohlen. Dennoch hätten einzelne Staaten niedrigere Grenzwerte eingeführt, Italien z.B. von 6 V/m. Es gebe Ratschläge zu einem vernünftigen Umgang mit dem Handy, diese sollten aber als Vorsichtsmaßnahmen gesehen werden, um nicht falschen Alarm auszulösen, der seinerseits zu echten Krankheitssymptomen führen könne.

Dr. Fiorenzo Marinelli, Biologe und Forscher beim Institut für Molekulargenetik des staatlichen Forschungsrates CNR zeigte sich im Gegensatz zu seinem Vorredner sehr besorgt über die Strahlenbelastung durch Mobilfunk. Italien wolle nun mit Blick auf den Ausbau des Breitbandnetzes den Grenzwert wieder erhöhen. Die Spitzen der Mobilfunkstrahlung hätten eindeutig Auswirkung auf die menschlichen Zellen, die nicht wüssten, wie sie diesen nicht natürlichen Energieschub verarbeiten sollten. Und die Strahlenbelastung der Umwelt habe in den letzten Jahren dramatisch zugenommen, mit immer neuen Geräten, die Funktechnik nutzten. Epidemiologische Studien hätten eine Zunahme von Pathologien in der Nähe von Mobilfunkantennen festgestellt. Die IARC stufe Mobilfunk als möglicherweise krebserregend ein, eine Einwirkung des Handys auf Gehirnzellen sei von Prof. Ronold King nachgewiesen worden, andere Studien bezeichneten den Mobilfunk als "sicher krebserregend". Es gebe auch Erkenntnisse zur Wirkung auf die Gene. Handys würden während des Betriebs auch die Frequenz wechseln, und unterschiedliche Frequenzen hätten auch unterschiedliche Auswirkungen auf die Zellen. Das WLAN habe ebenso seine Auswirkungen auf die Zellen. Die FDA, die in den USA für Lebensmittelüberwachung und Arzneimittelzulassung zuständig sei, habe anerkannt, dass vom Handy nicht nur thermische Wirkungen bzw. Gefahren ausgehen. Marinelli, der dazu riet, vor allem auf Kabelverbindungen zu setzen, wies schließlich darauf hin, dass öffentlich finanzierte Studien zu 70 Prozent eine Auswirkung auf die Zellen feststellen, während dies nur 30 Prozent der von der Industrie finanzierten Studien tun.

Prof. Norbert Vana, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats Funk beim österreichischen Ministerium für Verkehr, Infrastruktur und Technologie, warnte davor, Ergebnisse von Tierversuchen auf Menschen zu übertragen, da beiden unterschiedliche Reaktionen auf Frequenzen hätten. Biologische Effekte gebe es sicher, Gefahren für die Gesundheit seien möglich, aber hier gehe es um politische Entscheidungen, welche Vorsichtsmaßnahmen bzw. Grenzwerte man setze. Es gebe auch Personen, etwa 5 Prozent der Bevölkerung, die Strahlung wahrnähmen, auch wenn sie nicht gegeben sei. Die Grenzwerte beträfen die thermische Wirkung, die Erhöhung der Körpertemperatur durch das Strahlungsfeld. Der neue Grenzwert in Österreich liege bei 1 bis 5 Hundertstel Grad, weit weniger als die Erwärmung für typische menschliche Tätigkeiten. Die Grenzwerte seien aber so tief angesetzt, um auch Risikogruppen zu berücksichtigen. Die elektromagnetische Strahlung löse bei der Bevölkerung laut Umfragen weit weniger Sorgen aus als etwa der Verkehr oder die Umweltverschmutzung, aber vor den Strahlen der Handyantennen gebe es mehr Angst als vor jenen der Handys. Vana erläuterte die Kriterien des Beirats für die Bewertung von Studien und rief dazu auf, sie auf ihre Wissenschaftlichkeit zu prüfen; die zentrale Frage sei, ob die Studie gesundheitsrelevante Wirkungen des Mobilfunks auf den Menschen nachweisen könne. Nach derzeitigem Forschungsstand seien Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten auszuschließen, eine gesundheitliche Relevanz für die Gehirnaktivität konnte nicht nachgewiesen werden, die gentoxische Wirkung sei noch nicht geklärt, ebenso die Auswirkung auf Zeugungsfähigkeit, HNO und Tumorentwicklung. Aufgrund der Unsicherheit werde aber weiterhin ein sorgsamer Umgang mit Mobiltelefonie empfohlen.

Prof. Michael Kundi vom Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien wies darauf hin, dass die Frage auch politische, psychologische und sogar militärische Aspekte habe. Um die Auswirkung auf die Tumorentwicklung nachweisen zu können, bräuchte es Untersuchungszeiträume von 20 bis 30 Jahren, so lange dauere die Latenzzeit. Es gebe auch über hundert verschiedene Arten von Hirntumoren, und man müsste untersuchen, auf welche der Mobilfunk Einfluss habe. Die bisher durchgeführten Kohortenstudien könnten zur Risikobewertung nicht beitragen, Kontrollstudien, die tumorerkrankte und andere Personen verglichen, hätten oft statistische Mängel, die sich aber korrigieren ließen. Bei den frühen Studien seien keine Auswirkungen zu erkennen, neuere Studien hätten aber ein erhöhtes Risiko für gewisse Tumorarten festgestellt. Die Vielzahl der Studien, die zu diesem Ergebnis kommen, käme einem Beweis schon sehr nahe.

Mauro Valer vom Italienischen Bildungsressort informierte das Plenum über die Vorschriften für die Schule.  Dort habe das Unterrichtsministerium Schülern wie Lehrern die Verwendung von Handys bzw. den Mobilfunk verboten. Zugelassen sei die Offline-Verwendung oder eine (kontrollierbare) WLAN-Verbindung für Unterrichtszwecke. Für eine Kabelverbindung sei man nicht gerüstet.

Die neuen Technologien würden in der Schule zu verschiedensten Zwecken eingesetzt, berichtete Harald Angerer vom Deutschen Bildungsressort, das Prinzip sei aber, dass man nicht mehr lerne den Computer zu nutzen, sondern den Computer zum Lernen nutze. Standcomputer seien für die Schule nicht handlich, man habe daher zunächst auf Laptops und dann auf Tablets gesetzt. Das WLAN werde benutzt, weil bei vielen Unterrichtseinheiten die Vernetzung wichtig sei, und für die Kooperation bei Projekten. Es gebe derzeit keine spruchreifen Alternativen zum WLAN. Man sei aber weit davon entfernt, alles ins Netz zu verschieben. Man wolle nicht die digitale Schule schaffen, sondern die digitalen Medien nutzen, das gehe oft auch offline.

Erna Flöss vom Ladinischen Bildungs- und Kulturressort berichtete, dass in den ladinischen Schulen Kabel- oder WLAN-Verbindungen im Einsatz seien. Man frage sich, wie viel an neuen Medien in der Schule vertretbar sei, was einen pädagogischen Mehrwert darstelle, ab wann die Verbindung mit dem Netz den Kontakt zu den Mitschülern ersetze. Ein damit zusammenhängendes Problem sei auch der Missbrauch der neuen Medien, Mobbing, Sexting usw., das Suchtverhalten. Wenn man alles sofort "ergoogeln" könne, verlerne man, sich etwas zu merken. Flöss fragte schließlich, ob man aus Gesundheitsgründen nicht eher auf Kabel oder auf die kommende Lichtverbindung setzen solle.

Peter Hensinger, Vorstandsmitglied der Verbraucherschutzorganisation Diagnose-Funk, schloss an die Überlegungen von Flöss an. Es brauche ein spezielles Datenschutzgesetz für Kinder, ähnlich wie in den USA, ebenso müsse für Kinder das Vorsorgeprinzip gelten, was die Strahlenbelastung betreffe. Medienkompetenz beginne mit Medienabstinenz, die Kinder bräuchten eine Verwurzelung in der Realität, bevor sie sich der Gefahr der virtuellen Welt aussetzen. Die ständige Verbindung mit dem Netz verhindere reale Erfahrung, die Kinder würden nicht mehr aus dem Haus gehen, das Informationsgewitter vom Bildschirm schädige die Gehirnfunktionen, die Sprachkompetenz (inklusive Lesen und Schreiben) werde nicht richtig herausgebildet, Handy und Tablet würden zur Sucht. Die Informationsflut verhindere Bildung und versetze die Kinder nicht in die Lage, kritisch mit Medien umzugehen.

Die Anhörung wird am Nachmittag fortgesetzt.


Einige der Referenten bei der Anhörung zum Mobilfunk Zoomansicht Einige der Referenten bei der Anhörung zum Mobilfunk

(AM)