Hauptinhalt

Landtag

Landtag | 10.04.2019 | 11:32

Kinder- und Jugendanwältin im Landtag: Gewalt gegen Kinder nimmt zu

Anhörung von Kinder- und Jugendanwältin Ladstätter zur Tätigkeit im Jahr 2018

Paula Maria Ladstätter bei der Anhörung vor dem Landtag (Foto: Werth).ZoomansichtPaula Maria Ladstätter bei der Anhörung vor dem Landtag (Foto: Werth).

Sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt gegen Kinder nimmt zu. Das hat Südtirols Kinder- und Jugendanwältin Paula Maria Ladstätter bei der heutigen Anhörung im Südtiroler Landtag mitgeteilt. Als Sprachrohr für Heranwachsende in unserem Land hat sie den Jahresbericht 2018 vorgestellt. Die Anfragen im Jahr 2018 sind im Vergleich zu 2017 konstant geblieben: 411 neue Anfragen kamen hinzu, an 696 Situationen aus dem Vorjahr wurde weitergearbeitet. Gewalt in ihren verschiedenen Ausformungen nahm zu. Es ging um Jugendschutz, familiäre Konflikte, Trennung, Scheidung, um Fremdunterbringung, um Adoption, um Schule und Mobbing, um Internet und das Selbstbestimmungsrecht Jugendlicher – meistens waren Mehrfachproblematiken zu erkennen. Die Kija hat im vergangenen Jahr zudem an 75 Arbeitsgruppentreffen teilgenommen. Die Einrichtung wird heuer zehn Jahre alt.

Nicht alle Kinder und Jugendlichen in Südtirol können in einem sicheren und geschützten Umfeld aufwachsen. Paula Maria Ladstätter betonte im Landtag, dass alles getan werden müsse, dass kein Kind benachteiligt werde. Alle Minderjährigen in unserem Land hätten ein Recht auf Existenzsicherung und bestmögliche Entfaltungsmöglichkeiten. Sie sollten bei Entscheidungen, die sie betreffen, mitreden und ihre Meinung frei und ohne Angst äußern können.

Da ist ein 14-jähriger Junge, der vom Vater regelmäßig Schläge bekommt, dessen Mutter sich aber hinter den Mann und nicht vor den Sohn stellt. Da ist ein Vater, der erfährt, dass seine frühere Lebensgefährtin die beiden gemeinsamen Söhne seit der Trennung gravierend ungleich behandelt. Da ist eine Mutter, die sich um ihre Tochter sorgt, weil diese in der Schule heftig gemobbt wird.

Im vergangenen Jahr 2018 hat die Kinder- und Jugendanwältin gemeinsam mit ihren zwei Mitarbeiterinnen und dem Mitarbeiter 1.767 telefonische Beratungen gemacht, 192 Face-to-Face-Gespräche geführt, 184 Anfragen per Mail und 13 Anfragen über Social Media beantwortet. Es ging um Kinder- und Jugendschutz, um Schulverweigerung, um Vernachlässigung, Ungleichbehandlung und altersgemäße Entwicklung von Kindern, um familiäre Konflikte, Trennung und Scheidung, um das Besuchsrecht eines Elternteils und Unterhaltszahlungen, um häusliche Gewalt, psychische, physische und sexualisierte Gewalt, um Probleme zwischen Eltern und Kindern, Fragen der Erziehung und Fremdunterbringung, um die Integration schwacher Schülerinnen und Schüler und von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in Schule und Alltag, um Mobbing, Cybermobbing und Bullying in Schule und Freizeit. In vielen Situationen wurden Mehrfachproblematiken sichtbar. Die Fälle sind meist komplex, die Bearbeitung gestaltet sich aufwändig und zieht sich oft über mehrere Jahre. „Es braucht Einzel- und Mediationsgespräche und laufend Treffen mit den zuständigen Netzwerkpartnerinnen und -partnern“, erklärte Paula Maria Ladstätter.

Die Kinder- und Jugendanwältin und ihr Team haben im vergangenen Jahr an 75 Netzwerk- und Arbeitsgruppentreffen teilgenommen. Dabei wurden Erfahrungen ausgetauscht, Themen und Strategien zum Kindeswohl erarbeitet, Vorbeugungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen entwickelt.

Im Anschluss an den Vortrag der Kinder- und Jugendanwältin gab es Gelegenheit für Fragen und Bemerkungen der Abgeordneten.
Die Süd-Tiroler Freiheit fragte nach den Gründen für die hohe Selbstmordrate unter den Jugendlichen, dem Kopftuchzwang unter dem Aspekt der Kinderrechte, zu Anteil und Methodik der gelösten Fälle, zur Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen, zu Anfragen von außerhalb des Landes und zu den Möglichkeiten für den Landtag, Verbesserungen zu erreichen.
Die Grünen erkundigten sich nach festgestellten Trends in den letzten fünf Jahren und nach dem Phänomen der Schulphobie.
Die Freiheitlichen kritisierten mit Verweis auf die Suizidrate die verkürzten Sprechstunden bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wiesen auf das Zunehmen von Gewalt in den Schulen und Drogenkonsum hin.
Die Demokratische Partei erkundigte sich nach der Zusammenarbeit mit dem Jugendgericht, nach dem Konsum von Alkohol und Drogen durch Jugendliche, nach der Verbreitung des “Hikomori”-Phänomens und nach der Meinung der Jugendanwältin zum Pillon-Gesetz.
Das Team Köllensperger stellte Fragen zur Handhabe von telefonischen Anfragen um Hilfestellung, zur Zusammenarbeit mit Kinderpsychologen, zur Suizidprävention, zum Kontakt mit den Schulen, zu Fällen in der Hotelfachschule, nach der personellen Ausstattung der Jugendanwaltschaft und nach ihren Wünschen, um die Arbeit zu verbessern.
Die SVP fragte nach den Präventivmaßnahmen für die Familien, damit schon dort aufkommende Probleme erkannt werden, sowie nach Problemtrends in anderen Regionen, die auch in Südtirol auftreten könnten.
Ein schwieriges familiäres Umfeld gehöre zu den häufigsten Gründen für Suizid unter Jugendlichen, antwortete Paula Maria Ladstätter auf eine Frage, die von mehreren Abgeordneten gestellt wurde. Auch Mobbing sei ein häufiger Grund. Sie betonte die Wichtigkeit einer Unterstützung für die Familien, auch schon vor der Geburt der Kinder, denn Partnerschaftskrisen, die auch die Kinder belasteten, könnten sehr früh auftreten. Kinder mit Migrationshintergrund lebten oft im Spannungsfeld von zwei Kulturen, hier habe man öfters Unterstützung anfordern müssen. Ladstätter rief dazu auf, nicht bei den Jugendlichen zu sparen, in Schule, Sanität oder anderen Bereichen, denn das werde zum Bumerang. Die Sozialdienste hätten oft schon mit der dritten Generation derselben Familie zu tun, das zeige, dass mehr am Umfeld gearbeitet werden müsse und dass die Dienste auch entsprechend ausgestattet werden müssten, damit die Mitarbeiter nicht abwandern. In der Sanität sollte der pädiatrische Dienst auch am Wochenende zur Verfügung stehen, aber auch die Schule brauche Ressourcen, da sich die Probleme häuften. Auch Maßnahmen gegen die Kindesarmut seien notwendig. Sie wünsche sich, dass der Umbau in der Kinder- und Jugendanwaltschaft heuer erfolge, erklärte Ladstätter schließlich, und dass das Personal aufgestockt werde, auch mit einem Psychologen, was sich übrigens abzeichne.

 ####

Für die Anliegen von Minderjährigen steht das Team der Kinder- und Jugendanwaltschaft telefonisch unter T. 0471 946 050, per WhatsApp (Tel. +39 331 1738847), per Mail an info@kinder-jugendanwaltschaft-bz.org und über Facebook (facebook.com/kijagaia) zur Verfügung.

Die Kinder- und Jugendanwaltschaft (Kija)

ist eine Einrichtung des Landes Südtirol. Sie wurde mit Landesgesetz Nr. 3 vom 26. Juni 2009 errichtet und wird heuer zehn Jahre alt. Die Kinder- und Jugendanwältin ist bei der Ausübung ihres institutionellen Auftrags unabhängig und überparteilich. Sie berät und unterstützt junge Menschen mit Problemen, ist Sprachrohr für Heranwachsende und vertritt deren Interessen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene.

 

Es wird darauf hingewiesen, dass aufgrund der Bestimmungen zur “Par condicio” die Debatte ohne Namen wiedergegeben und auf das Wesentliche reduziert wird.


(AM)